Architektur der Ideen: Lissabon entdeckt die Möglichkeiten für leere Flächen
39.873: Das ist die offiziell bestätigte Zahl leer stehende Flächen in Lissabon. Was tun mit so viel Raum? Ein Architekturwettbewerb sollte neue Ideen befördern. Das Resultat sehen die Lissaboner jetzt mit eigenen Augen: 15 Plakatwände zieren mehr oder weniger hässliche Leerstellen der Stadt und zeigen, was hier möglich wäre. Einer der prämierten Entwürfe geht sogar noch weiter – und ruft die Bürger der Stadt zu den Waffen.
39.873 leerstehende Flächen gibt es derzeit in Lissabon: Leere Grundstücke, nicht genutzte Plätze, vom Verfall bedrohte Häuser. Grund genug zu handeln: Denn die Stadt kann jeden Zentimeter Platz eigentlich gebrauchen, um nicht noch weiter in die Außenbezirke auszuwuchern.
Wie die leeren Räume Lissabons mit Leben gefüllt werden könnten, zeigen nun die Entwürfe für den Architekturwettbewerb “vazios urbanos”, der anlässlich der im Frühjahr abgehaltenen Architektur-Triennale von Lissabon durchgeführt wurde. Besonders schön: Die Ideen der 15 Preisträger werden seit dieser Woche mit großen Plakaten an genau den Leerräumen gezeigt, die sich verändern sollen.
Und manchmal bräuchte man noch nicht einmal die Baufahrzeuge anrücken zu lassen, sondern die Menschen allein könnten leere Orte beleben. Das zeigt zum Beispiel der Entwurf von Sofia Brogueira Henriques für eine alte Gasfabrik im Norden von Lissabon. Hier, in dieser heruntergekommenen Industriezone, stellt sich die Architektin die Weiternutzung der Gasometer als Spielplatz vor – als Raum für Artisten, Kinder, Künstler.
Eine Bühne für Künstler – das schwebt auch Rodolfo Reis mit seinem Entwurf für einen neuen Aufstieg zur Burg von Lissabon vor. Die Konstruktion, eingefasst mit rostigem Eisen, wäre mehr als eine große Freitreppe hoch zur Burg. Die Treppe sollte nach der Idee von Rodolfo Reis eine große Spielfläche für die Kunst sein, zum Beispiel für die angehenden Schauspieler der nahe gelegenen Theaterschule Chapitô.

Foto: Trienal de Arquitectura de Lisboa
Eher verspielt sind die Ideen von Marco Simões da Silva und Daniela Trigo Lopes für das Doca do Jardim do Tabaco am Tejo-Ufer. Diese Zone wird momentan vor allem als Parkplatz genutzt – und soll nach dem Willen der beiden Architekten zu einem Treffpunkt für jung und alt werden. Und was für ein Treffpunkt: Ein Art riesiges rotes Sofa soll hier entstehen, wo sich Menschen ausruhen und unterhalten können. Und ganz nebenbei könnte so auch die lang ersehnte Verbindung zwischen Stadt und Tejo entstehen.

Foto: Trienal de Arquitectura de Lisboa
Fast schon subversiv ist der Vorschlag von Pedro Barata Castro und Pedro Ribeiro für ein leerstehendes Grundstück im Lissaboner Nobel-Stadtteil Lapa. Das Grundstück liegt wie eine Zahnlücke zwischen zwei Häusern, die noch durch eine hässliche Metallverbindung statisch zusammengehalten werden. Die Idee der beiden Pedros: Den heute noch dort stehenden Bauzaun wegnehmen, die Einfahrt begrünen – und in den Garten des Grundstücks ein öffentliches Schwimmbad einrichten. Das wäre einmal etwas ganz Neues in dem Viertel, wo zum Beispiel Diplomaten oder reiche Geschäftsleute gerne ihren eigenen kleinen Privat-Pool pflegen.
Doch es geht noch revolutionärer. Das Architekturbüro AUZprojekt ruft die Lissaboner sogar zu den Waffen. Jeder solle sich eine der 39.873 leerstehenden Flächen erobern, ruft AUZprojekt uns zu. Als Waffe sei jedoch nur der Bleistift erlaubt, mit dem jeder Mensch seine Ideen und Visionen entwickeln könnte. Ein paar Inspirationen haben die 14 anderen Gewinner des Wettbewerbs ja schon geliefert, aus Leerflächen “Orte des Möglichen” zu machen.