Martin Behaim: Ein Wahl-Lissaboner erstellte den ersten Globus. Und nahm es mit der Wahrheit nicht immer so genau
Am 29. Juli 1507, vor 500 Jahren, starb der deutsche Kartograf und Händler Martin Behaim. Bekannt ist Behaim vor allem durch seinen “Erdapfel”, der älteste überhaupt erhaltene Globus. Nach allem, was wir wissen, muss Behaim eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein: Weltoffen, visionär, risikofreudig – aber auch ein Aufschneider. Und obwohl Behaim aus Nürnberg stammte, lebte er lange Zeit seines Lebens in seiner Wahlheimat Lissabon, wo er dann 1507 auch völlig verarmt gestorben ist. Was weiß man noch über sein Leben?
Die ganze Geschichte beginnt mit einigen Flunkereien. Zwar dürfte unstrittig sein, dass der deutsche Händler Martin Behaim der Erfinder des “Behaim-Globus“, des berühmten Erdapfels ist, der heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen ist. Doch schon über das genaue Entstehungsjahr des kartografischen Meisterwerks scheiden sich die Geister: 1492 steht auf dem Globus selbst, doch wahrscheinlich wurde auch noch 1493 oder 1494 an dem Werk gearbeitet. Und weitere Fragen bleiben offen: Hat Behaim den Globus selbst erstellt? Wahrscheinlich eher nicht. Hat Behaim an den portugiesischen Entdeckungsfahrten teilgenommen, wie er auf dem Globus vermerkte? Mit großer Sicherheit nicht, weil er sich zu dieser Zeit nachweislich in Portugal aufhielt. Und Behaim war vermutlich auch nicht der große Visionär, der bereits 1492 die Erde als Kugelform - und nicht als Scheibe – darstellte. In gebildeten Kreisen war diese Erkenntnis zu dieser Zeit bereits “Common Sense”.
Und dennoch: Martin Behaim war trotz dieser Flunkereien eine faszinierende Person. Vor allem war er wohl ein begnadeter Händler, der für ein gutes Geschäft gerne auch einmal Risiken einging. Geboren 1459 in Nürnberg, lernte er dort ab 1476 das Geschäft des Tuchhändlers. Ein Jahr später ging er nach Antwerpen, von wo aus er europaweit Handel betrieb.
Portugal und Spanien waren zu dieser Zeit die, wie wir heute sagen würden, dynamischsten Märkte. Denn die Portugiesen haben schon mit ersten Entdeckungsfahrten an der Küste Afrikas entlang begonnen. Mit dem neuen Schiffstyp der Karavellen waren die portugiesischen Seefahrer in der Lage, auch längere Seestrecken zu überwinden. Große Entdeckungen und vor allem riesige Geschäftschancen müssen damals in der Luft gelegen haben. Und so zieht es auch den aufstrebenden Martin Behaim in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts nach Lissabon. 1485 wurde er von König João II. sogar zum Ritter geschlagen und gehörte fortan zum portugiesischen Königshof. Wenig später heiratete Behaim – in Portugal Martinho da Boémia (“Martinchen von Böhmen“) genannt – Joana de Macedo, die Tochter des Gouverneurs der Azoreninseln Fayal und Pico. Martin Behaim muss in der portugiesischen Königs- und Handelsgesellschaft dieser Tage ziemlich gut vernetzt gewesen sein.
Deshalb kann man auch davon ausgehen, dass sein 1492-1494 während eines einige Jahre dauernden Aufenthalts in Nürnberg entstandener Erdapfel weniger wissenschaftlichen Zwecken diente, sondern vor allem dem Anlocken neuer Investoren für die neuen Handelsrouten. Der Globus entstand kurz vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, zeigt also noch die direkte Nachbarschaft von Asien und Europa, nur getrennt durch eine sehr kurzen Seeweg über den Atlantik. Diese Vorstellung des Seewegs nach Indien war die Vision, die ganze Gesellschaften bewegte: Ließen sich doch so die Reichtümer Asiens schnell und kostengünstig nach Europa verschiffen. Später war es Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckte – geografisch anders als gedacht, aber da waren die europäischen Supermächte Portugal und Spanien vor allem schon mit der Aufteilung Amerikas beschäftigt.
Nach der Rückkehr von Nürnberg nach Lissabon im Jahr 1493 lief es für Behaim nicht mehr gut. Vor allem ab dem Jahr 1495 ging es für ihn bergab: In diesem Jahr starben sein Gönner König João sowie sein Schwiegervater. Zu allem Unglück verließ ihn noch seine Ehefrau, die ein Verhältnis mit dem Oberprokurator der Gefangenen auf der Azoren-Insel Fayal einging. Zwischen dessen Familie und den Behaims kam es in Folge des Skandals zu heftigen Auseinandersetzungen.
Man muss wohl davon ausgehen, dass Behaim in der Folgezeit bis zu seinem Tod am 29. Juli 1507, in ärmlichen Verhältnissen lebte. Auch ist seine Grabesstätte in Lissabon nicht bekannt. Was bleibt also von Martin Behaim? Weit mehr als der Erdapfel. Und weit mehr als die Erinnerung an einen „Nürnberger Münchhausen“. Nein, Martin Behaim war einer der frühen Weltbürger, wie es Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau beschreibt. Denn mit seinem Globus zeige Behaim ein einfaches Bild der Welt, so Widmann. Getragen von der Einsicht: Die Menschen sind überall gleich. Und deshalb sei Behaims Globus das „Dokument einer früheren Risikogesellschaft (…): Ich weiß, es ist riskant. Aber ich kenne das Risiko.”
Und dass Behaim nie ein Risiko ausließ, Grenzen übersprang, das Leben in anderen Ländern wagte: Das zeigt, was für ein interessanter Mensch er gewesen sein muss. Mit allen Schwächen, die solche Tausendsassas aufweisen – und ihrer ganzen Faszination. Vielleicht sollte sich die Stadt Lissabon deshalb ein wenig intensiver ihres großen Wahl-Sohnes erinnern. Und im Katalog der portugiesischen Nationalbibliothek sind nur drei Werke über Behaim verzeichnet – das letzte erschien im Jahr 1960. Neuere Erkenntnisse wären auch hier zu erwarten.